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Jeden Neujahrsmorgen fragen sich einige Gardemitglieder immer wieder aufs Neue: „Muss ich mir das antun und mich in die Stiefel quälen?“, „Mussich mir den im Laufe eines Jahres eingegangenen Hut samt Perücke auf den Kopf drücken?“, „Muss ich für einen knappen Umzug den weiten Weg zum Sammelplatz in die Neustadt antreten?“ – Für jeden echten Prinzengardisten kann die Antwort natürlich nur lauten: „Ja, ich will!“ – denn den Neujahrsumzug gibt es nur einmal im Jahr.
Bis in die 1980er Jahre hinein trafen sich die Gardemitglieder am Neujahrsmorgen zunächst vor dem Hause ihres Kriegsministers Ernst Neger, um ihm und seiner Frau die Neujahrsglückwünsche zu überbringen. So neben bei konnte man sich mit einem Klaren, einem Glas prickelnder Lebensfreude oder auch mit einer Tasse Kaffee wieder voll auf Touren bringen. Nach einem Ständchen des Trommlerkorps und der Gardekapelle zog man dann weiter. Auch heute noch treffen sich alle einsatzfähigen Offiziere, Gardisten, Kadetten, Trommler und Musiker in der Leibnizstraße 3 vor dem Hause Neger. Nachdem der Profos sich von der Marschfähigkeit überzeugt hat, geht es endlich los!
Die heute als Neujahrsumzug bekannte Veranstaltung ist um 1842/43 vom gerade konstituierten Carneval-Verein aus der Taufe gehoben worden. Mit diesem Umzug dokumentierte man den Übergang vom alten auf den neuen Rechner des Vereins. Zugleich beabsichtigte man mit dieser Aktion, neue Mitglieder zu werben. Deshalb war auch das Büro des Carneval-Vereins am Neujahrsmorgen von 11 bis 1 Uhr geöffnet. Wer an Weihnachten von seiner Familie nicht mit „Stern und Kapp“ beschenkt worden war, konnte diese heiß begehrten Insignien nun persönlich erwerben. Den übrigen Narren sollte die leere Kasse drastisch vor Augen führen, dass es höchste Zeit war, für die bevorstehende Kampagne zu sparen.
Es dauerte bis 1894, bis die Garde-Abordnungen „auf Wunsch des Carneval Vereins“ erstmals im Neujahrsumzug mit marschierten. Die Kriegskasse wurde aber nach wie vor bei jedem Zug mitgeführt. Im Gegensatz zu heute war die Teilnahme von (Motiv-)Wagen und (Motiv-)Gruppen durchaus üblich, ebenso das Durchführen eines eigenen Zugs. Der Neujahrsumzug erfuhr bis 1914 dabei stetige Institutionalisierung. Am Gutenbergdenkmal nahm dann der kleine Rat des Carneval-Vereins den Vorbeimarsch ab und die Garden zeigten, dass sie für die bevorstehende Schlachten gegen Mucker und Philister vorbereitet waren. Nach 1918 dauerte es bis zum Jahr 1933, ehe sich wieder ein Neujahrsumzug durch die Straßen von Mainz bewegte. Nach 1945 kam es dann unter Beteiligung aller aus Mainz und Umgebung stammenden Garden und Musikzügen zur Wiederaufnahme der Neujahrsumzüge und zum Defilee vor den närrischen und weltlichen Spitzen der Stadt.
Dabei lässt es sich die Prinzengarde nicht nehmen, jedes Jahr erneut eine besondere Überraschung zu präsentieren. Die zahllosen Einfälle sind legendär und werden von den Zuschauern sehnsüchtig erwartet. So zogen etwa elf fröstelnde, auf einem überdimensionierten Metallpferd, das zudem noch Wasser lassen konnte, sitzende Gardeoffiziere jubilierend durch die Straßen der Stadt. Oder man stellte mit auf einen Pritschenwagen montierten Holzpferden eine Reitschule für angehende Rosenmontagsreiter dar. Da sie den Startschuss zum Neujahrsumzug überhört hatten und folglich noch nicht ordnungsgemäß gekleidet waren, folgten Offiziere dem Trommlerkorps schon mal mit hastig übergeworfenen Uniformröcken unter denen die Schlafanzugshosen hervorschauten.
Der erste Ausmarsch der Garde endet auf dem kleinen Platz zwischen Weinhaus Wilhelmi, dem Restaurant Bocado und dem „Heilig Geist“. Im Plan der Stadt Mainz trägt er zwar den offiziellen Namen „Am alten Kaufhaus“, wer aber „echte“ Mainzer nach dem Prinzengardeplätz’chen fragt, der bekommt den richtigen Weg gewiesen. Nach dem Abgesang des Generalfeldmarschalls rückt die Garde in ihr Standquartier ein – dem Weinhaus Wilhelmi. Bei einem „Ripp’che mit Kraut“ und einem kräftigen Schluck aus dem Weinkeller werden weitere Feldzugspläne besprochen.
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